Aus anderen Verbänden: Frankreich
 
Anlässlich des letzten Verbandstages des schweizerischen Kaminkehrermeisterverbandes hielt der Geschäftsführer der oberelsässischen Kaminfegerorganisation, Ralph Willig, nachfolgend abgedruckte Rede in Französisch. Nachdem die Notwendigkeit der regelmäßigen, flächendeckenden (gesetzlich vorgeschriebenen) Rauchfangkehrerarbeiten in unserem Lande häufig angezweifelt werden, zeigt diese Rede interessante Aspekte auf, was alles passieren kann, wenn das Rauchfangkehrerhandwerk anders strukturiert ist.
 
Sehr geehrte Damen und Herren, ...
 
ich wende mich heute an Sie, um Ihnen eine Übersicht über die Lage unseres Berufes in Frankreich zu geben sowie über das schwerwiegende Problem der Kohlenmonoxidvergiftung in unserem Land.
 
Das Kaminkehren wird in Frankreich in der Gesundheitsordnung des Departments geregelt, in der festgelegt ist, wie oft die Schornsteine, die Verbindungsrohre und Geräte geprüft werden sollen.
Die Anwendung dieser Rechtsvorschriften obliegt dem Staat und erfolgt über die Präfekten einer jeden Region. Diese haben die Befugnis die Rechtsvorschriften zu verschärfen, falls sie dies als notwendig erachten, entsprechend den Sitten und Gebräuchen der Region und unter Berücksichtigung der lokalen Rechtsvorschriften.
Bis vor kurzem noch war auf französischem Staatsgebiet keinerlei berufliche Qualifikation erforderlich, sodass es genügte sich das nötige Arbeitsmaterial zu beschaffen, um das Kaminkehrerhandwerk auszuüben, ohne auch nur den geringsten fachlichen Berufsabschluss abgelegt zu haben. Heute können wir uns darüber freuen, dass die Fachleute erkannt haben, wie wichtig die Ausbildung ist und die Einrichtung eines Ausbildungszentrums auf französischem Staatsgebiet erwägen.
 
Dieser kurze Überblick ermöglicht es Ihnen, so hoffe ich, den Beruf des Kaminkehrers besser einzuordnen und es erschien mir nötig, bevor ich das heikle Problem der Kohlenmonoxidvergiftung in Frankreich anspreche.
Wenn ich mir jetzt erlaube, dieses Thema bei Ihnen anzusprechen, dann deshalb, weil ich vor kurzem erfahren habe, dass die zuständigen Schweizer Stellen vorhaben, die Rechtsvorschriften für die Überprüfung von Schornsteinen, bei denen Gas als Brennstoff eingesetzt wird, wie ich mir vorstellen kann, aus guten Gründen zu lockern.
 
Wir haben jedes Jahr in Frankreich durch Kohlenmonoxidvergiftungen an die
400 Todesfälle zu beklagen und ca. 8000 Einweisungen ins Krankenhaus.
 
Hier sind die Ergebnisse einer Untersuchung, die vom Zentrallabor der Polizeipräfektur von Paris über Kohlenmonoxidvergiftungen in der Pariser Region für das Jahr 2000 durchgeführt wurde.
Hauptursachen von CO-Vergiftungen im Jahr 2000
Die schweren CO-Vergiftungsfälle, die bei 104 Einsätzen vom Zentral­labor zur Erforschung der Vergiftungsquelle untersucht wurden, hatten die Krankenhauseinweisung von 394 vergifteten Personen zur Folge, von denen 7 gestorben sind.
 
Die angeschlossenen Gasgeräte verursachten 64,4% der CO-Vergiftungsfälle.
Diese Art von Geräten sind auch die Ursache für sämtliche festgestellten Todesfälle.
Die Anzahl der CO-Vergiftungsfälle, die von nicht angeschlossenen Boilern ohne CO-Stoppsicherung herrührt, ist gering (7,7% der Fälle), besteht aber weiter.
Die
Vergiftungen, die durch eine Kohleheizung hervorgerufen wurden, sind im Vergleich zu 1999 zurückgegangen (2 registrierte Fälle).
Es ist zweckmäßig auf 2 CO-Vergiftungsfälle hinzuweisen, bei denen jeweils mehrere Personen betroffen waren:
 
–In Montfermeil wurden 14 Personen durch die Funktionsstörung eines Gasheizkessel vergiftet, der in einer Wohnung im Erdgeschoss installiert und an ein undichtes Rauchrohr angeschlossen war. Durch den Anruf von Bewohnern des ersten Stockwerks wurde die diensthabende Schicht des Zentrallabors alarmiert, die sich sofort an Ort und Stelle begab und so die beiden Familien gerettet hat.
 
–In Nanterre hat ein defekter Gaskessel die Vergiftung von 22 Personen über mehrere Etagen eines Hauses verursacht.
 
Jedes Jahr sind es die angeschlossenen Gasgeräte, die eine große Anzahl von Unfällen verursachen.
 
Ursachen der Funktionsstörungen von Gasinstallationen
Im Laufe der Untersuchungen von Unfällen aufgrund von Geräten, die mit Gas versorgt werden, ergaben sich folgende
Hauptursachen für Funktionsstörungen:
 
1. Das Verrußen ist verantwortlich für die Funktionsstörung der angeschlossenen Geräte sowie auch das Zusammentreffen von mehreren Ursachen, die gleichzeitig auftreten (schlechte Wartung, mangelnde Belüftung des Raumes, Zustand der Anschluss- und Rauchrohre).
 
2. Die
Verstopfung der Rauch- und Anschlussrohre ist die häufigste Unfallursache.
 
3. Die starke Verrußung des Brenners und/oder der Lamellen am oberen Teil des Boilers sowie eine
Funktionsstörung der CO-Stoppsicherung bleiben die Hauptursachen für Fehlfunktionen von nicht angeschlossenen Geräten.
 
4. Nur die Hälfte der kontrollierten Geräte ist in Räumen mit ausreichender Belüftung installiert, bei der anderen Hälfte war die Belüftung nicht ausreichend, verschmutzt oder fehlte völlig.
Anmerkung: Von einer jährlichen Wartung der Geräte kann keine Rede sein.
Eine Wartung wird häufig höchstens alle 2 Jahre oder noch später durchgeführt. Eine beträchtliche Anzahl der befragten Personen wusste nicht, wann die letzte Wartung durchgeführt wurde, was sehr wahrscheinlich heißt, dass gar keine gemacht wurde.
 
Schlussfolgerungen
Die im Jahr 2000 durchgeführten Untersuchungen haben gezeigt, dass die Hauptursache bei CO- Vergiftungsfällen bei den angeschlossenen Vorrichtungen lag (Gasheizung und Badeöfen). Die Ursache der Funktionsstörung der Vorrichtung liegt hauptsächlich an der fehlenden Überprüfung der Geräte und der Anschluss - und Rauchrohre. Installationsmängel wie falscher Anschluss, ungenügende Belüftung des Raumes, kommen häufig noch dazu.
 
Man muss sagen, dass man bei einem so bedrückenden Bericht nur nachdenklich werden kann. Tatsächlich ist es eindeutig, dass
die meisten CO-Unfälle von der Verwendung von Gas herrühren und dem Mangel an Überprüfung der Rohre, die zum Abzug der Verbrennungsgase dienen, zu unterstellen sind.
Wie könnten die Argumente lauten für eine Verringerung der Kaminkehrerarbeit beim Gas?
 
–Die Gasverbrennung ist vorzüglich und bedarf keiner Wartung!
 
–Es wurden Sicherheitssysteme an den Kesseln angebracht!
 
–Das Gas bildet keine Ablagerungen.
 
Wie sollte man bei einer solchen Anzahl von Argumenten nicht verführt sein, die regelmäßige Überprüfung für unnütz zu halten?
Sicher, die Gasverbrennung kann ausgezeichnet sein, aber eine stöchiometrische Verbrennung (oder eine vollständige, wenn Sie es lieber so sehen) gibt es nur rein rechnerisch, in der Realität vor Ort verläuft eine Verbrennung unvollständig und hinterlässt deshalb Ablagerungen.
Erlauben Sie mir, dass ich in Bezug auf die Sicherheitssysteme, die an atmosphärischen Kesseln installiert sind, skeptisch bleibe, denn diese Systeme sind im Grunde thermische Unterbrecher, die die Heizkessel nur jenseits einer vordefinierten Temperaturschwelle sichern.
Theoretisch sind sie darauf ausgelegt auf Verbrennungsstörungen zu reagieren, die vorwiegend von einem Druckabfall im Schornstein herrühren und eine Überhitzung zur Folge haben. Was aber geschieht, wenn die Temperaturschwelle nicht erreicht wird?
Leider gibt es eine Menge anderer Gründe für diese Unfälle, die ich als unberechenbar einschätzen würde.
 
Niemals könnten Sie z. B. Wespen daran hindern in Ihrem Schornstein ein Nest zu bauen, auch wenn er in der Bauart allen Vorschriften entspricht und ein Gasheizkessel der neuen Generation angeschlossen ist.
 
Nie werden Sie eine Taube oder eine Krähe daran hindern können, sich auf den Kamin zu setzen und in diesen hineinzufallen und zu verstopfen.
Sie verstehen sicher meine Bedenken. Wenn der Gesetzgeber längere Zeiträume zwischen zwei Kehrterminen festlegt, erhöht er damit mit Sicherheit die Gefahr von Kohlenmonoxidvergiftungen.
Es würde bedeuten, die unentbehrliche Funktion des Kaminkehrers stark zu vereinfachen, wenn man seine Arbeit nur auf das Kehren beschränkt sieht.
 
Denn seine Aufgabe besteht nicht nur im Kehren des Schornsteins, sondern er stellt Mängel fest, berät die Kunden, bekämpft durch seine Arbeit die Brandgefahr, schützt die Umwelt, spart Energie und hilft meiner Meinung nach vor allem Kohlenmonoxidvergiftungen zu verhindern.
 
Auf das Beispiel des Kaminkehrerberufes in der Schweiz wird in Frankreich regelmäßig bis hinauf in die Ministerien, namentlich des Gesundheitsministeriums, hingewiesen.
Das hohe berufliche Niveau, das auf das Ausbildungssystem des Schweizer­Kaminkehrermeisterverbandes zurückzuführen ist, garantiert eine fachkundige Kompetenz, der kein elektronisches Sicherheitssystem gleichkommt.
 
Ich glaube, auch wenn das etwas naiv klingt, dass der Mensch, so unvollkommen er auch sein mag, unentbehrlich ist für den Schutz seiner Mitmenschen.
 
Der Kaminkehrer arbeitet auf einem der schönsten Gebiete, er arbeitet zum Schutz der Menschen und aus diesem Grund bringt er Glück und wird noch lange Glück bringen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
 
Ralph Willig